„Ich habe über 30 Jahre lang ein Unternehmen geführt und nun auch verkauft. Ich werde daher in einigen Tagen mein Berufsleben beenden und in den Ruhestand wechseln. Allerdings fehlen mir die Ideen, wie ich mein zukünftiges Leben produktiv gestalten kann. Was mache ich dann? Wer bin ich dann?“
Diese Frage wird sich mancher Senior-Chef stellen, der die eigene „Endlichkeit“ erkennt. Der Wechsel in den Ruhestand ist für jeden Menschen ein Einschnitt, aber zwischen einem angestellten Arbeitnehmer und einem Unternehmer liegen psychologisch, organisatorisch und existenziell „Welten“. Der Angestellte geht aus dem System heraus, das „System des Unternehmers“* bricht ohne ihn (in seiner bisherigen Form) zusammen. Deshalb ist die psychologische Anpassungsleistung für Selbstständige um ein Vielfaches höher. Private Risiken können sich aufbauen – und das trotz des Umstandes, dass der Verkauf des eigenen Unternehmens oft ein hohes liquides Vermögen mit sich bringt:
- Wer jahrzehntelang Abteilungen gesteuert und Prozesse optimiert hat, neigt unbewusst dazu, diese Effizienzbrille im privaten Raum aufzusetzen: „Papa ante Portas“.
- Der Abschied vom Chefposten bringt Trauer, Identitätsverlust und manchmal unbewusste Ängste mit sich
- Der emotionale Druck äußert sich oft in Reizbarkeit, Ungeduld oder depressiven Verstimmungen – schließlich zur emotionellen Entfremdung vom ggf. jahrzehntelangen Partner – diese haben sich in dieser Zeit aber eigene Routinen, Hobbys und soziale Zirkel aufgebaut
In unseren Beratungsmandaten bemerken wir oft ein eigenartiges Phänomen: Plötzlich werden Rekordumsätze gemeldet – doch sie dienen als perfektes, betriebswirtschaftliches Alibi, um den unangenehmen emotionalen Schritt des Loslassens vor sich selbst, der Familie und den Beratern zu rechtfertigen. Es ist Vermeidung, getarnt als unternehmerische Verantwortung.
Was tun? Der Ansatz muss lauten: Wechsel von der Maximierung des finanziellen Gewinns zur Maximierung des gesellschaftlichen / emotionalen Gewinns. Unternehmerischen Fähigkeiten sollten keineswegs abgewöhnt, sondern für Herzensangelegenheiten, statt für Profit genutzt werden – oder anders ausgedrückt: Der Profit fließt nicht mehr auf Ihr Bankkonto, sondern in das "Lebenskonto" anderer Menschen – und das ist oft die befriedigendste Rendite überhaupt.
Zahlreiche Autoren haben sich mit der konkreten Ausgestaltung dieses Ansatzes beschäftigt, deren Modelle an dieser Stelle nicht en detail erläutert werden können. Um es daher kompakt zu formulieren, sollten 4 Fragen leiten: Was liebe ich? Worin bin ich gut? Was braucht die Welt? Womit kann ich Wert stiften?
Besonders operabel erscheint das Konzept der „Portfolio-Karriere“ des Sozialphilosophen und Wirtschaftswissenschaftlers Charles Handy. Er schlug den Ersatz großer Aufgaben durch ein Set verschiedener, kleinerer Aktivitäten (Portfolio) vor. Hier eine Variante, was das bedeuten kann:
1. Aktivität A: 20 % Weitergabe von Wissen (z. B. als Mentor für Start-ups oder Wirtschaftsunterstützer)
2. Aktivität B: 30 % Körperliche/Geistige Fitness (z. B. eine neue Sportart, das Erlernen einer Sprache)
3. Aktivität C: 30 % Kreativität oder Handwerk
(Dinge tun, für die früher die Zeit fehlte)
4. Aktivität D: 20 % Reine Erholung, Reisen und Familie
Falls man hier den Eindruck gewinnen kann, dass die oben beschriebenen unternehmerischen Fähigkeiten nicht genügend abgebildet werden, sollen abschließend noch 4 Vorschläge gemacht werden: Werden Sie ehrenamtlich tätiger Unternehmensberater (wie die Mitglieder der Wirtschaftssenioren), oder ehrenamtlicher Handelsrichter. Oder Vereinsvorstand eines gemeinnützigen Vereins. Oder engagieren Sie sich als Veranstalter kultureller Events!